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Der Lohnarbeiter als Ein-Viertel-Mensch
on 08/07/2008 - like it?

Frigga Haug wirbt in „Die Vier-in-einem-Perspektive“ für einen Abschied von der Ressortpolitik und präsentiert nebenbei ein ganzheitliches Lebenskonzept

Die Vier-in-einem-Perspektive

Dem Kompass auf der Titelseite des Buches „Die Vier-in-einem-Perspektive“ fehlt nicht ohne Grund die wegweisende Nadel. Erwerb, Reproduktion, Kultur und Politik stehen hier stellvertretend für die vier Himmelsrichtungen, und für die Autorin Frigga Haug liegt die Zukunft politischen Handelns nicht in der Fokussierung auf einen, sondern auf alle vier Bereiche menschlichen Tätigseins.

Auf welchen Bereich sich die Politik spätestens seit der Krise am Arbeitsmarkt am stärksten konzentriert, liegt auf der Hand: Es ist der Sektor der Lohnarbeit. Ein falsches Menschenbild und ein restriktiver Arbeitsbegriff sind nach Meinung der Soziologin und Journalistin Frigga Haug die Gründe dafür, dass die Arbeitslosigkeit momentan zwar sinkt, das Problem des langfristigen Rückgangs der Lohnarbeit in allen post-industriellen Nationen aber ungelöst bleibt. So gehe der durchschnittliche Politiker davon aus, dass Lohnarbeit täglich acht Stunden und mehr in Anspruch nehmen müsse, sonst sei sie nicht vollwertig. „In der Politik um Arbeit wird Leitlinie die notwendige Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle auf ein Viertel der aktiv zu nutzenden Zeit, also auf vier Stunden ― perspektivisch erledigen sich auf diese Weise Probleme von Arbeitlosigkeit [...]“, lautet Frigga Haugs zwar nicht neuer, aber dennoch revolutionärer Ausweg aus der Misere. Verkürzt sich die Erwerbsarbeit auf vier Stunden pro Tag, entsteht mehr Zeit für andere Betätigungen: für die Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen (Reproduktion), für Selbstentfaltung und Lernen (Kultur), für die Gestaltung der Gesellschaft (Politik).

„Die Vier-in-einem-Perspektive“ bündelt 18 Aufsätze der Autorin, die „wirksame politische Eingriffe waren und teilweise noch sind“, wie sie selbst im Vorwort erklärt. Dazu zählt beispielsweise die Schrift „,Schaffen wir einen neuen Menschentyp‘. Von Ford zu Hartz“, in der Frigga Haug das 2001 veröffentlichte Buch „Job Revolution“ von Peter Hartz (das unter anderem zur Grundlage für Gerhard Schröders Agenda 2010 wurde) einer kritischen Reflexion unterzieht: „Immer deutlicher wird, dass es der je Einzelne ist, der die Misere des Arbeitsmarktes verschuldet hat und entsprechend auch als Einzelner die Lösung vorantreibt, der die Fäden zieht und ziehen muss, will er nicht einfach untergehen.“ Solche Sätze lesen sich aktueller denn je und beschreiben die düsteren Auswirkungen von politischen Forderungen nach mehr Flexibilität und Eigenverantwortung.

Neben dem Themenkomplex Arbeit und Automation bilden die Bereiche weibliche Vergesellschaftung und Frauenpolitik Frigga Haugs zweiten Forschungsschwerpunkt ― wobei die Autorin nicht zu denjenigen gehört, die unter „Frauenpolitik“ eine „Politik nur für Frauen“ verstehen. Feminismus bedeutet für sie die Einnahme einer „allgemein-menschlichen“ Perspektive. Oder, um es praktischer auszudrücken: Feminismus nützt Frauen und Männern, und ist damit ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft. An dieser Stelle klärt sich auch, warum Frigga Haug ihre „Vier-in-einem-Perspektive“ im Einleitungstext als „Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist“ bezeichnet. Wenn es gelingt, Erwerbsarbeit, Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen für beide Geschlechter zugänglich zu machen und das Bild von der Familienarbeit (Reproduktion) als primär weiblicher Domäne zu dekonstruieren, entwickelt sich die Chance zur ganzheitlichen Lebensführung.

Frigga Haugs Buch birgt letztlich zwei Erkenntnisse: Politik bedeutet nicht, in Ressorts zu denken, und Menschsein heißt nicht, in erster Linie dem (Lohn-)Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Neu aber ist, dass die Autorin politische Utopie und eine Antwort auf die Frage, wie wir künftig leben wollen, auf einen Nenner bringt.

Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008.

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