Posts born Juli 2008

Was ist Arbeit?
on 23/07/2008 - like it?

Eine Begriffs- und Kulturgeschichte der Arbeit von der Antike bis heute

Antike

Eine eindeutige Definition des Begriffs „Arbeit“ gibt es nicht, da er je nach wissenschaftlicher Disziplin und historischer Epoche unterschiedlich verwendet wird. Die Soziologie beispielsweise definiert „Arbeit“ allgemein „als eine zweckgerichtete bewusste Tätigkeit von Menschen [...], die sie unter Einsatz von physischer Kraft und psycho-physischen Fähigkeiten und Fertigkeiten ausüben“ (Zitat G. Günter Voß). Diese Interpretation folgt der alltagswissenschaftlichen Unterscheidung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit.

In der gegenwärtigen wissenschaftlichen Debatte treten die Paradoxien zutage, die der Begriff „Arbeit“ aufwirft: Arbeit kann sowohl Last als auch Lust bedeuten, sie dient einerseits der Herstellung von (konkreten) Gebrauchswerten und andererseits der Produktion von (abstrakten) ökonomischen Werten, sie kann auf den Erwerb von Geldeinkommen gerichtet sein oder unentgeltliche Formen wie gemeinnützige, haushaltsbezoge und familiäre Tätigkeiten umfassen, und sie kann sowohl produktiv als auch zerstörerisch wirken. Die genannten Spannungen verweisen darauf, dass der Begriff „Arbeit“ immer in seinem sozialen und kulturellen Kontext betrachtet werden muss.

Die griechische und römische Antike kennt drei Formen der Arbeit. Sklaven und Frauen sind primär für die Herstellung von lebenspraktisch nützlichen und notwendigen Gütern bzw. Leistungen zuständig, der männliche „Vollbürger“ hingegen widmet sich in erster Linie der politischen bzw. geistigen Arbeit oder leistet Kriegsdienst. Die Kunstfertigkeit („techne“) der Handwerker und bildenden Künstler nimmt eine Zwischenstellung ein, da sie sowohl körperliche als auch geistige Arbeit fordert.

Auch im christlich geprägten europäischen Mittelalter ist die Art der Arbeit abhängig von der sozialen Zugehörigkeit: Körperliche, landwirtschaftliche Tätigkeit gilt als Aktivität von Unfreien, die geistige Arbeit ist im Gegensatz dazu den gesellschaftlichen Eliten vorbehalten. Die anfänglich noch eher negative Bewertung der körperlichen Arbeit wandelt sich im Laufe des Mittelalters, spätestens durch die Aufwertung praktisch-körperlicher Tätigkeiten in den Klöstern („ora et labora“). Mit zunehmendem technischen Fortschritt erfährt außerdem nicht nur die produktive, sondern auch die auf Gewinnerzielung gerichtete Arbeit ein höheres Ansehen. Reformatoren wie Martin Luther verklären die erwerbsbezogene Tätigkeit gar zu einem göttlichen Auftrag ― eine Sichtweise, die der Soziologe Max Weber später in seiner Schrift „Die Protestantische Ethik und der ,Geist‘ des Kapitalismus“ am Beispiel der Calvinisten ausführlich beschreibt.

Parallel zum fortschreitenden ökonomischen Verständnis von „Arbeit“ fragen die Theoretiker der Renaissance und Aufklärung nach der individuellen Bedeutung von „Arbeit“. Arbeit wird nun als Möglichkeit zur Selbstentfaltung und -findung interpretiert oder zum menschlichen Naturrecht erhoben.

Mit der Entwicklung des modernen Kapitalismus im Zuge der Industrialisierung setzt sich eine Sichtweise durch, die unter dem Begriff „Arbeit“ in erster Linie eine ökonomische und auf Gelderwerb ausgerichtete Tätigkeit versteht. Andere Arbeitsformen, wie etwa Haus- und Familienarbeit, geraten dementsprechend kulturell in den Hintergrund. Zu dieser Zeit findet auch die Figur des „Arbeitslosen“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch: Sie dient als Bezeichnung für eine Person, die die Möglichkeit zur erwerbssichernden Arbeit nicht erhält oder verliert.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts beginnt schließlich auch eine eigenständige soziologische Theoriebildung zum Thema „Arbeit“. Während Georg Friedrich Wilhelm Hegel „Arbeit“ als geistig geleitete „Entäußerung“ interpretiert, durch die der Mensch „Selbstbewusstsein“ gewinnt, kritisiert Karl Marx die „entfremdete“ Lohnarbeit innerhalb des kapitalistischen Systems. Emile Durkheim beschreibt die Moderne als ausdifferenzierte „organische“ Verteilung spezialisierter Funktionen. Jürgen Habermas unterscheidet einerseits zwischen instrumentellem Handeln (das er teilweise auch als „Arbeit“ bezeichnet) und andererseits kommunikativem Handeln (das er teilweise auch „Interaktion“ nennt), wobei er prophezeit, dass Letzteres von Ersterem verdrängt werden wird.

Bernhard Schäfers/Johannes Kopp (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Wiesbaden 2006, S. 26-32.

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Der Lohnarbeiter als Ein-Viertel-Mensch
on 08/07/2008 - like it?

Frigga Haug wirbt in „Die Vier-in-einem-Perspektive“ für einen Abschied von der Ressortpolitik und präsentiert nebenbei ein ganzheitliches Lebenskonzept

Die Vier-in-einem-Perspektive

Dem Kompass auf der Titelseite des Buches „Die Vier-in-einem-Perspektive“ fehlt nicht ohne Grund die wegweisende Nadel. Erwerb, Reproduktion, Kultur und Politik stehen hier stellvertretend für die vier Himmelsrichtungen, und für die Autorin Frigga Haug liegt die Zukunft politischen Handelns nicht in der Fokussierung auf einen, sondern auf alle vier Bereiche menschlichen Tätigseins.

Auf welchen Bereich sich die Politik spätestens seit der Krise am Arbeitsmarkt am stärksten konzentriert, liegt auf der Hand: Es ist der Sektor der Lohnarbeit. Ein falsches Menschenbild und ein restriktiver Arbeitsbegriff sind nach Meinung der Soziologin und Journalistin Frigga Haug die Gründe dafür, dass die Arbeitslosigkeit momentan zwar sinkt, das Problem des langfristigen Rückgangs der Lohnarbeit in allen post-industriellen Nationen aber ungelöst bleibt. So gehe der durchschnittliche Politiker davon aus, dass Lohnarbeit täglich acht Stunden und mehr in Anspruch nehmen müsse, sonst sei sie nicht vollwertig. „In der Politik um Arbeit wird Leitlinie die notwendige Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle auf ein Viertel der aktiv zu nutzenden Zeit, also auf vier Stunden ― perspektivisch erledigen sich auf diese Weise Probleme von Arbeitlosigkeit [...]“, lautet Frigga Haugs zwar nicht neuer, aber dennoch revolutionärer Ausweg aus der Misere. Verkürzt sich die Erwerbsarbeit auf vier Stunden pro Tag, entsteht mehr Zeit für andere Betätigungen: für die Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen (Reproduktion), für Selbstentfaltung und Lernen (Kultur), für die Gestaltung der Gesellschaft (Politik).

„Die Vier-in-einem-Perspektive“ bündelt 18 Aufsätze der Autorin, die „wirksame politische Eingriffe waren und teilweise noch sind“, wie sie selbst im Vorwort erklärt. Dazu zählt beispielsweise die Schrift „,Schaffen wir einen neuen Menschentyp‘. Von Ford zu Hartz“, in der Frigga Haug das 2001 veröffentlichte Buch „Job Revolution“ von Peter Hartz (das unter anderem zur Grundlage für Gerhard Schröders Agenda 2010 wurde) einer kritischen Reflexion unterzieht: „Immer deutlicher wird, dass es der je Einzelne ist, der die Misere des Arbeitsmarktes verschuldet hat und entsprechend auch als Einzelner die Lösung vorantreibt, der die Fäden zieht und ziehen muss, will er nicht einfach untergehen.“ Solche Sätze lesen sich aktueller denn je und beschreiben die düsteren Auswirkungen von politischen Forderungen nach mehr Flexibilität und Eigenverantwortung.

Neben dem Themenkomplex Arbeit und Automation bilden die Bereiche weibliche Vergesellschaftung und Frauenpolitik Frigga Haugs zweiten Forschungsschwerpunkt ― wobei die Autorin nicht zu denjenigen gehört, die unter „Frauenpolitik“ eine „Politik nur für Frauen“ verstehen. Feminismus bedeutet für sie die Einnahme einer „allgemein-menschlichen“ Perspektive. Oder, um es praktischer auszudrücken: Feminismus nützt Frauen und Männern, und ist damit ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft. An dieser Stelle klärt sich auch, warum Frigga Haug ihre „Vier-in-einem-Perspektive“ im Einleitungstext als „Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist“ bezeichnet. Wenn es gelingt, Erwerbsarbeit, Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen für beide Geschlechter zugänglich zu machen und das Bild von der Familienarbeit (Reproduktion) als primär weiblicher Domäne zu dekonstruieren, entwickelt sich die Chance zur ganzheitlichen Lebensführung.

Frigga Haugs Buch birgt letztlich zwei Erkenntnisse: Politik bedeutet nicht, in Ressorts zu denken, und Menschsein heißt nicht, in erster Linie dem (Lohn-)Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Neu aber ist, dass die Autorin politische Utopie und eine Antwort auf die Frage, wie wir künftig leben wollen, auf einen Nenner bringt.

Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008.

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Die Vier-in-einem-Perspektive: Politik von Frauen für eine neue Linke

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