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22 Prozent weniger wert?
on 20/10/2008 - like it?

Frauen werden noch immer schlechter bezahlt als Männer — und die Große Koalition schaut zu

Gleichberechtigung

Zeichnung: Thomas Plaßmann

„Die Frauenarbeit war von vornherein billiger als die männliche Arbeit. Der Lohn des Mannes war ursprünglich darauf berechnet, den Unterhalt einer ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur die Kosten für den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst diese nur zum Teil, weil man darauf rechnete, daß die Frau auch zu Hause weiterarbeitet außer ihrer Arbeit in der Fabrik.“

Als die Frauenrechtlerin Clara Zetkin 1889 beim Internationalen Arbeiterkongress in Paris auf die unterschiedliche Bewertung von Frauen- und Männerarbeit aufmerksam machte, hätte sie wohl nicht vermutet, dass es über 100 Jahre später noch immer teilweise große geschlechtsspezifische Lohnunterschiede geben würde. Laut Bericht der EU-Kommission vom 25. Januar 2008 verdienten Arbeitnehmerinnen in Deutschland im Jahr 2006 durchschnittlich 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Damit belegte die BRD zusammen mit der Slowakei Platz 24 von insgesamt 27 EU-Staaten. Noch größer war der „gender pay gap“ nur in Zypern (24 Prozent) und Estland (25 Prozent). Am geringsten war er in Malta (3 Prozent). Der EU-Durchschnitt liegt bei 15 Prozent.

Je älter die Beschäftigten, desto größer der Einkommensrückstand der Frauen. Das zeigte eine Online-Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung (WSI), die von 2005 bis 2007 durchgeführt wurde und an der sich rund 63.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland beteiligt hatten. Demnach verdienten Frauen unter 24 Jahren 7,8 Prozent weniger als ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen. In der Altersgruppe der 25- bis 34-jährigen Frauen betrug die Differenz 17,5 Prozent. Frauen im Alter von 35 bis 55 Jahren hinkten den Männern sogar um 22 Prozent hinterher. Am größten war die Lohndifferenz zwischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der Altersgruppe ab 55 Jahren: 26,7 Prozent.

Die Einkommensunterschiede differierten auch je nach Beruf und Tätigkeit, wie der WSI-Vergleich von über 180 Berufen offen legte. Demnach fiel die Entlohnung bei Verwaltungsfachangestellten am gerechtesten aus. Hier lagen die durchschnittlichen Verdienste der Männer bei 2.775 Euro brutto im Monat, die der Frauen bei 2.691 Euro brutto im Monat und damit 84 Euro weniger (3 Prozent Differenz). Am größten waren die Gehaltsunterschiede bei Buchhalterinnen und Buchhaltern: Eine Arbeitnehmerin verdiente dort durchschnittlich 2.535 Euro, ihr männlicher Kollege hingegen 3360 Euro und damit 825 Euro mehr (24,6 Prozent).

Gründe für das geschlechtsspezifische Lohngefälle gibt es viele. Frauen unterbrechen häufiger den Beruf als Männer (zum Beispiel auf Grund von Mutterschaft), verfügen dadurch über weniger Berufserfahrung und sind teilweise schlechter qualifiziert. Außerdem ergreifen Frauen noch immer oft Berufe, die vergleichsweise schlecht bezahlt werden: Tariflöhne in „Männerbranchen“ wie Chemie, Bau und Druck sind im Durchschnitt höher als in von Frauen dominierten Branchen wie Verkauf, Gesundheitsdienst und Soziales. Hinzu kommt, dass Frauen seltener als Männer Führungspositionen besetzen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes hatte im Jahr 2006 nur jede sechste Arbeitnehmerin einen Job mit viel Verantwortung. Bei den Arbeitnehmern war dieser Wert mehr als doppelt so hoch.

In vielen Fällen lässt sich allerdings nicht nachvollziehbar erklären, warum Männer am Ende des Monats mehr Geld in der Lohntüte haben als Frauen. Wenn der Bankkaufmann mehr verdient als die Bankkauffrau (durchschnittlich 716 Euro), obwohl beide die gleiche Arbeit erledigen, wenn nicht die Anwältin sondern der Anwalt zum Kanzlei-Partner aufsteigt, weil sie zu Hause zwei kleine Kinder hat, dann sind wohl tradierte Rollenvorstellungen die Ursache.

Bis Geschlechterklischees in den Führungsetagen von Unternehmen keine Rolle mehr spielen, dürften noch einige Jahre vergehen. Die Politik kann zwischenzeitlich für bessere gesetzliche Rahmenbedingungen sorgen.

Vor drei Jahren kämpfte die rot-grüne Koalition für mehr Lohngleichheit. „Auf dem Weg in ein geschlechtergerechtes Deutschland — Gleichstellung geht alle an“ lautete ein Antrag vom 5. März 2005, der von Franz Müntefering (SPD) sowie von Katrin Göring-Eckardt und Krista Sager (Die Grünen) unterschrieben worden war und in dem die AntragsstellerInnen unter anderem für „eine gerechte Verteilung des Einkommens zwischen den Geschlechtern“ plädiert hatten.

Seit die SPD im Bund mit der CDU regiert, scheinen die Sozialdemokraten jedoch in Bezug auf das Thema Lohngleichheit ihren Kampfgeist verloren zu haben. Anfang November 2007 wollte die Linksfraktion im Rahmen einer Kleinen Anfrage von der Bundesregierung wissen, ob sie gesetzliche Regelungen zur Sicherung der Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt anstrebe. Die Antwort der Großen Koalition vom 16. November 2007 ließ wenig hoffen: „Im deutschen Recht ist bereits seit langem der Grundsatz ,Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit‘ verankert. Der Gleichberechtigungsgrundsatz in Artikel 3 Abs. 2 des Grundgesetzes verbietet, Frauen bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit ein geringeres Entgelt zu zahlen als Männern. Nach § 2 Abs. 1 Nr. 2 und § 7 Abs. 1 AGG sind Benachteiligungen wegen des Geschlechts in Bezug auf die Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen einschließlich des Arbeitsentgelts unzulässig.“

Auf die Frage der Linken, ob die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns die Lohnsituation der Frauen verbessern würde, da sie weit häufiger als Männer zu Niedriglöhnen arbeiteten, antwortete die Bundesregierung ausweichend: „Der Einkommensabstand zwischen Frauen und Männern fußt auf vielfältigen, vor allem mittelbaren Ursachen. Lösungsstrategien sollen deshalb gezielt an den Ursachen ansetzen.“

Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.): Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern. Einstellungen, Erfahrungen und Forderungen der Bevölkerung zum „gender pay gap“, Berlin 2008.

WSI — Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.): Online-Umfrage von www.frauenlohnspiegel.de. Gehaltsrückstand bei jungen Frauen kleiner als bei älteren, Pressemitteilung vom 5. März 2008.

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