Was ist Arbeit?
Eine Begriffs- und Kulturgeschichte der Arbeit von der Antike bis heute

Eine eindeutige Definition des Begriffs „Arbeit“ gibt es nicht, da er je nach wissenschaftlicher Disziplin und historischer Epoche unterschiedlich verwendet wird. Die Soziologie beispielsweise definiert „Arbeit“ allgemein „als eine zweckgerichtete bewusste Tätigkeit von Menschen [...], die sie unter Einsatz von physischer Kraft und psycho-physischen Fähigkeiten und Fertigkeiten ausüben“ (Zitat G. Günter Voß). Diese Interpretation folgt der alltagswissenschaftlichen Unterscheidung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit.
In der gegenwärtigen wissenschaftlichen Debatte treten die Paradoxien zutage, die der Begriff „Arbeit“ aufwirft: Arbeit kann sowohl Last als auch Lust bedeuten, sie dient einerseits der Herstellung von (konkreten) Gebrauchswerten und andererseits der Produktion von (abstrakten) ökonomischen Werten, sie kann auf den Erwerb von Geldeinkommen gerichtet sein oder unentgeltliche Formen wie gemeinnützige, haushaltsbezoge und familiäre Tätigkeiten umfassen, und sie kann sowohl produktiv als auch zerstörerisch wirken. Die genannten Spannungen verweisen darauf, dass der Begriff „Arbeit“ immer in seinem sozialen und kulturellen Kontext betrachtet werden muss.
Die griechische und römische Antike kennt drei Formen der Arbeit. Sklaven und Frauen sind primär für die Herstellung von lebenspraktisch nützlichen und notwendigen Gütern bzw. Leistungen zuständig, der männliche „Vollbürger“ hingegen widmet sich in erster Linie der politischen bzw. geistigen Arbeit oder leistet Kriegsdienst. Die Kunstfertigkeit („techne“) der Handwerker und bildenden Künstler nimmt eine Zwischenstellung ein, da sie sowohl körperliche als auch geistige Arbeit fordert.
Auch im christlich geprägten europäischen Mittelalter ist die Art der Arbeit abhängig von der sozialen Zugehörigkeit: Körperliche, landwirtschaftliche Tätigkeit gilt als Aktivität von Unfreien, die geistige Arbeit ist im Gegensatz dazu den gesellschaftlichen Eliten vorbehalten. Die anfänglich noch eher negative Bewertung der körperlichen Arbeit wandelt sich im Laufe des Mittelalters, spätestens durch die Aufwertung praktisch-körperlicher Tätigkeiten in den Klöstern („ora et labora“). Mit zunehmendem technischen Fortschritt erfährt außerdem nicht nur die produktive, sondern auch die auf Gewinnerzielung gerichtete Arbeit ein höheres Ansehen. Reformatoren wie Martin Luther verklären die erwerbsbezogene Tätigkeit gar zu einem göttlichen Auftrag ― eine Sichtweise, die der Soziologe Max Weber später in seiner Schrift „Die Protestantische Ethik und der ,Geist‘ des Kapitalismus“ am Beispiel der Calvinisten ausführlich beschreibt.
Parallel zum fortschreitenden ökonomischen Verständnis von „Arbeit“ fragen die Theoretiker der Renaissance und Aufklärung nach der individuellen Bedeutung von „Arbeit“. Arbeit wird nun als Möglichkeit zur Selbstentfaltung und -findung interpretiert oder zum menschlichen Naturrecht erhoben.
Mit der Entwicklung des modernen Kapitalismus im Zuge der Industrialisierung setzt sich eine Sichtweise durch, die unter dem Begriff „Arbeit“ in erster Linie eine ökonomische und auf Gelderwerb ausgerichtete Tätigkeit versteht. Andere Arbeitsformen, wie etwa Haus- und Familienarbeit, geraten dementsprechend kulturell in den Hintergrund. Zu dieser Zeit findet auch die Figur des „Arbeitslosen“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch: Sie dient als Bezeichnung für eine Person, die die Möglichkeit zur erwerbssichernden Arbeit nicht erhält oder verliert.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts beginnt schließlich auch eine eigenständige soziologische Theoriebildung zum Thema „Arbeit“. Während Georg Friedrich Wilhelm Hegel „Arbeit“ als geistig geleitete „Entäußerung“ interpretiert, durch die der Mensch „Selbstbewusstsein“ gewinnt, kritisiert Karl Marx die „entfremdete“ Lohnarbeit innerhalb des kapitalistischen Systems. Emile Durkheim beschreibt die Moderne als ausdifferenzierte „organische“ Verteilung spezialisierter Funktionen. Jürgen Habermas unterscheidet einerseits zwischen instrumentellem Handeln (das er teilweise auch als „Arbeit“ bezeichnet) und andererseits kommunikativem Handeln (das er teilweise auch „Interaktion“ nennt), wobei er prophezeit, dass Letzteres von Ersterem verdrängt werden wird.
Bernhard Schäfers/Johannes Kopp (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Wiesbaden 2006, S. 26-32.
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